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Kunst und Mode
Kunst und Mode
Von Kunst und Künstlichkeit

Die Frage, ob es jemals eine fein auszumachende Grenze zwischen der Kunst und der Mode gegeben hat, stellt sich jüngst mehr denn je.


Da gibt es Modedesigner, die ihre Tätigkeit an den Nagel hängen, um sich künftig ausschliesslich den freien Künsten zu widmen, Concept Stores bieten Waren, die sowohl den Kunst- als auch den Mode- und Designfreund beglücken und Entwürfe von Modemachern werden in musealen Kontexten präsentiert – um nur einige wenige Beispiele für ein Phänomen zu nennen, das eine zunehmende Durchmischung der Bereiche darstellt.

Mode als Experimentierfeld für Körpererfahrungen
Vergangenen Monat erst eröffnete im Londoner Design Museum eine grosse Retrospektive des zypriotischen Designers Hussein Chalayan. Gezeigt wurden Entwürfe des Wahl-Londoners, die in den Jahren 1994 bis 2009 entstanden sind. Dabei fällt auf, dass es dem Konzeptualisten weniger darauf ankommt, jede Saison aufs Neue eine verkaufsfreundliche Kollektion auf dem Markt zu bringen, als vielmehr seine fortwährende Auseinandersetzung mit den Bedingungen, unter denen Mode entsteht, weiterzudenken. Immer wieder greift er bestimmte Ideen auf, entzieht sich dabei gleichzeitig dem Erneuerungsdruck, dem sich weite Teile seiner Designerkollegen unterworfen fühlen und setzt dem etwas Konstantes und Kontinuierliches entgegen. Chalayans Mode ist nicht länger nur eine zweimal jährlich wechselnde Kollektion, sondern eine Gratwanderung zwischen Mode, Kunst und Philosophie, eine Auseinandersetzung mit soziokulturellen Prozessen. In „Before minus now“ beispielsweise fasst er den Menschen als ein Wesen auf, das zum einen von körperlich-biologischen, zum anderen von mathematisch-geometrischen Gesetzen bestimmt wird. Durch Berücksichtigung dieser Gesetze ergibt sich fast schon von selbst eine gewisse Körperästhetik, so der Tenor der Kollektion. Mit seiner konzeptuellen Auffassung von Mode steht Chalayan nicht alleine da. Vielmehr reiht er sich ein in eine Gruppe von Designern, die in ihrer Arbeitsweise allesamt über die reine Bekleidungsabsicht hinausgehen. Immer wieder gerne zitiert werden die Versuche des studierten Architekten Paco Rabanne, der in den 60er Jahren unter Zuhilfenahme von Materialien der Baukunst die Haute Couture zu revolutionieren versuchte: Miniröcke aus Stahl, Kleider aus Blech, hautenge Gummihüllen und Bustiers aus Leichtbeton sind nur eine Auswahl realisierter Entwürfe, die sich nie mit Fragen der Tragbarkeit oder Verkäuflichkeit konfrontiert sahen. Dass es ihnen in ihrer Arbeit explizit nicht um Alltagsfunktionalität ging, bewies das niederländische Designduo Viktor&Rolf 1999 mit der Präsentation ihrer Damenkollektion „Diva“ während der Pariser Haute-Couture Schauen. Die Show begann damit, dass die beiden Designer vor den Augen des Modepublikums ein Model Schicht für Schicht ankleideten und schliesslich förmlich überkleideten. In eine Stoffmasse gehüllt, bestehend aus zehn Kleiderschichten, war der Körper der Frau am Ende völlig verpackt und komplett handlungsunfähig. Ähnlich wie bei einer russischen Matryoshka-Puppe, deren Volumen je nach Belieben vermehrt oder reduziert werden kann, wird bei „Diva“ zunächst mit dem Körper/Kleid-Volumen gespielt, um dann unsere überkommene Vorstellung von Körper und damit auch modischen Gepflogenheiten radikal in Frage zu stellen – ein Thema, das sich in den Kollektionen von Viktor&Rolf immer wieder findet.

Kann Mode Kunst sein?
Aber ist es dann überhaupt noch Mode? Im Februar 1982 posierte auf dem Cover der führenden amerikanischen Kunstzeitschrift Artforum ein Model in einem Kleid Issey Miyakes. Der japanische Designer war zu diesem Zeitpunkt schon bekannt für seine komplexen, Origami-artigen Kleidkonstruktionen und den Einsatz unkonventioneller Materialien und Techniken. Die Presse beschrieb das gezeigte Kleid, für welches Miyake die Rüstung eines Samurai-Kriegers als Vorlage diente, später als „sculpture“, „painting“ und „aggressive and erotic spectacle“. Die Frage nach der berühmten Tragbarkeit stellte sich an dieser Stelle nicht mehr. Doch welche Absichten stecken dahinter? Wird aus Mode Kunst, wenn sie sich ihrer Alltagsfunktion entledigt und einen künstlerisch-ideologischen Anspruch erhebt? Glaubt man der Kunstkritikerin Isabelle Graw, unterscheidet sich die Kunst von der Mode grundsätzlich dadurch, dass an sie „nicht die Vorstellung eines von ihr abgeworfenen, erkenntnistheoretischen Mehrwerts geknüpft (ist)“, so schreibt sie in ihrem jüngst erschienenen Buch „Der grosse Preis. Kunst zwischen Markt und Celebrity Kultur“. Demnach wäre Mode Kunst, wenn sie in irgendeiner Form über sich hinauswiese und „Wahrheiten“ und „Erkenntnisse“ vermittele, die ein Kunstwerk vermeintlich zu produzieren vermag. Dazu ist sie, die Mode, allerdings nur in begrenztem Masse in der Lage. Weisen die Kreationen Viktor&Rolfs auch immer wieder über die Codierung einer angewandten Kunst hinaus, so können sie sich doch nie ganz von ihr lösen. Vielmehr machen die beiden explizit – was schlichtweg das Schicksal eines jeden Modedesigners ist – die Gebundenheit seiner Arbeit an den menschlichen Körper. So alltagsuntauglich die Entwürfe eines Hussein Chalayan auch sein mögen, so kunstvoll und ideologisch, sie bleiben dem menschlichen Körper und einer Auseinandersetzung mit diesem verpflichtet. Zwar widmet sich auch die Kunst seit jeher diesem Sujet, in der Body- und Performance-Art der 60er Jahre sogar ausschliesslich. Jedoch hat sie noch immer die Wahl – im Gegensatz zur Mode.

Spring/Summer '09 -Artisanal- Kollektion by Maison Martin Margiela (Foto: Jacques Habbah)

Mode und Kunst als gleichberechtigte Partner
Doch scheinen diese Differenzen den Austausch eher noch zu beflügeln, denn zu bremsen. Die Frage, ob Mode nun Kunst ist oder zumindest Kunst sein kann, erweist sich bei näherer Betrachtung als obsolet, sind es doch anscheinend gerade die kleinen Unterschiede, die eine gegenseitige Inspiration erst ermöglichen. So braucht die Mode die Sprache der freien Kunst, weil diese ein Vokabular bereithält, das nicht zweckgebunden ist. Weil sie den Spielraum hat, Formen zu finden, die ein grosses Innovationspotential bergen. Beide sind gern gesehene Partner, die immer wieder unter gemeinsamem Dach zusammenfinden. Sei es ideell, wie bei den eingangs vorgestellten Modedesignern Hussein Chalayan, Viktor&Rolf und Issey Miyake oder auch wie bei Martin Margiela und Comme des Garçons – um nur einige wenige weitere Kreative zu nennen, die ihre Modekollektionen gern mit einem theoretischen Konstrukt untermauern – sei es materiell in Form von Kollaborationen. Beispiele gibt es unzählige. Zu den bekanntesten zählt die Zusammenarbeit des französischen Modehauses Louis Vuitton, das unter der kreativen Leitung von Marc Jacobs Kooperationen mit zeitgenössischen Künstlern wie Takashi Murakami oder Richard Prince realisierte. Levi‘s liess Damien Hirst einzelne Jeansmodelle mit Totenköpfen aus Swarowski-Kristallen verzierten. Converse rief im Rahmen seiner Aids-Kampagne „(PRODUCT)RED“ Künstler und Designer auf, den weltberühmten Leinenschuh individuell zu gestalten. Kunst wertet Mode auf und seit jeher – spätestens seit Erfindung der Haute Couture Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris – versuchen Modemacher jene intellektuelle Tiefe, die die Kunst verspricht, in ihre doch eher als oberflächlich wahrgenommene Welt hinüberzuholen. Dabei ist es gerade das, der Glamour, die Exzentrik, die modischen Eskapaden – alles was gemeinhin unter „oberflächlich“ zusammengefasst werden könnte – was die Mode für die Kunst so interessant macht. Warum gelangweilt im öden Galerieraum herumstehen, wenn man dabei auch gut aussehen kann, gekleidet in die jüngste Mode, um neben dem Zeugnis über die Kunstkennerschaft auch eines über das Wissen um modische Entwicklungen zu offenbaren? Kunst- und Modesinn gehen heute Hand in Hand und so erstaunt es kaum, dass beide auch räumlich zusammenfinden.

Meet them at the Conceptstore
Bestes Beispiel aus der Highfashion-Sektion ist nach wie vor der 2005 eröffnete, bisher grösste Louis Vuitton Flagshipstore an den Pariser Champs-Elysées. Das Besondere an dem Gebäude, das gemeinsam von den Architekten Eric Carlson und Peter Marino konzipiert wurde, ist die ultimative „Verschmelzung von Kunst und Architektur“. Die Arbeiten dreier führender Künstler setzen Akzente: James Turrell schuf exklusiv für den Eingangsbereich eine Lichtskulptur, Tim White-Sobierski entwickelte eine Videoinstallation für das Innere des Gebäudes. Olafur Eliason entwarf den Aufzug, der direkt ins oberste Stockwerk führt – einem „permanenten Raum für künstlerischen und kulturellen Ausdruck“, einer abgeschirmten „Kammer der sinnlichen Entropie“. Louis Vuitton Artikel kann man selbstverständlich auch noch kaufen. Ein wenig urbaner, aber mindestens ebenso elitär geht es im seit 1997 in Paris bestehenden Colette Store zu. Auf drei Etagen an der Rue St. Honoré wird hier ein Mix aus Lifestyle Produkten – seltene Publikationen, ausgewählte Platten und CDs, Sneaker mit Sammlerstatus, Accessoires, Mode von Jung- und High-End-Designern – angeboten. Bis dato gilt: Colette hat die Must Haves. Das Pariser Trendbarometer erfindet sich immer wieder neu und bietet seit 2006 – ganz mit der Zeit gehend – auch Kunst an. In Form von Ausstellungen im Laden selbst, mit der Option auf Kauf der Exponate und passender Gimmicks. Der kuratorische Schwerpunkt liegt deutlich auf junger Kunst, Grafik und Streetart – eben alles was ins propagierte Konzept passt und von Interesse sein könnte, für einen coolen, jungen, stilbewussten, urbanen, informierten und auch ein wenig wohlhabenden Kunden. Bei Colette verschwimmen die Grenzen endgültig. Kunst ist, was man zu Kunst erklärt, sei es die limitierte Druckgrafik, ein heiss begehrter Bildband oder der seltene Nike-Turnschuh. Die angemessene Präsentationsfläche bietet das Lieblingskaufshaus der kunstsinnigen Designjäger und wird damit zum Vorbild vieler Geschäfte ähnlichen Formats in den Grossstädten dieser Welt.

High trifft auf Low auf der Strasse
Der feine Unterschied zwischen High und Low ist längst nicht mehr auszumachen. Designobjekte und Mode finden sich in einschlägigen Museen-Sammlungen wieder, Kunst wird auf Modeartikel gedruckt oder in Form von Taschen und Sneakern mit Seltenheitswert spazieren getragen. Um reine Funktionalität geht es dabei nicht mehr. Allein der Besitz wird zum Ausdruck der Zugehörigkeit zu den „Wissenden und Kultivierten dieser Welt“. Am Ende bleibt nur noch die Frage nach dem Geschmack. Aber darüber lässt sich bekanntermassen nicht streiten.

Ausstellungen zum Thema:

„Hussein Chalayan“
im Design Museum London
vom 22.01. bis 17.05.2009
www.designmuseum.org

„Dressed! Art en vogue! Schnittstellen von Kunst und Mode seit 1900.“
im Museum Kunstpalast Düsseldorf
vom 04.04. bis 02.08.2009
www.museum-kunst-palast.de

„Maison Martin Margiela 20.
Die Ausstellung“
im Münchner Haus der Kunst
vom 20.03. bis 01.06.2009
www.hausderkunst.de

„Kate Moss“
im Pariser Musée des Arts Décoratifs
vom 28.11.2009 bis 25.04.2010
www.lesartsdecoratifs.fr


von Mahret Kupka
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